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Impulse zur Neuorientierung

Geschichten


Die Mutter erzählt Mauri die Geschichte vom guten Wolf

 

Mauri hört am liebst Geschichten. Die Grossmutter erzählt Geschichten, der Vater erzählt Geschichten. Die Patin erzählt von den Patienten, die sie betreut. Diesen wahren Geschichten lauscht Mauri am liebsten. Manchmal kommt eine Freundin der Familie auf Besuch. Sie ist Sozialabeiterin und erzählt von Menschen, die bei ihr Rat suchen. Auch diese Geschichten liebt Mauri. Sie stellt sich vor, wie sie selber, wenn sie gross ist, diesen Menschen helfen will. Wichtig ist für Mauri, ob die Geschichten wahr oder erfunden sind.

 

Die Mutter erzählt Mauri Märchen. In vielen Märchen kommt der böse Wolf vor. Mauri hat ein grosses Tierlexikon, in diesem betrachtet sie immer wieder den Wolf. Er sieht aus wie ein Hund. Auf dem Foto sieht man, wie die jungen Wölfe miteinander spielen. Es sieht lustig aus. Warum ist der Wolf böse? Mauri kann es nicht glauben. Der Wolf muss doch fressen, wie die Katzen auch. Die fangen auch Mäuse, obwohl das so zierliche und putzige Tiere sind. Vielleicht kommt er in all den Märchen als böser Wolf vor, weil er eine dunkle Farbe hat. Oder vielleicht ist er gerne böse. Er will böse sein, damit die andern Angst haben vor ihm. Die anderen müssen machen, was der Wolf will. So ist er stark.

 

Manchmal ist Mauri böse. Sie spürt es genau, in der Nase kitzelt es und im Hals ist es, wie wenn jemand seine Hand drauflegt und zudrückt. Mauri möchte schreien und stampfen, etwas herum schmeissen. Und dann ist Mauri auch ganz lieb. Die Brust weitet sich ein warmes Gefühl geht vom Herzen bis in die Fussspitzen und bis zu den Haaren. Warum? Mauri weiss es nicht. Sie denkt, es ist weil sie das Zimmer aufräumen muss, oder weil sie ein kleines Kätzchen in der Hand hält.

 

Und dann findet die Mutter ein Bilderbuch von einer Geschichte von einem guten Wolf. Mauri freut sich. Sie stellt sich vor, wie der Wolf das Häschen im Arm hält und wärmt. Der Wolf ist Arzt und pflegt die anderen Tiere. Am schönsten findet Mauri das Bild auf dem der Wolf mit seinem Sohn Blumen, Kräuter und Beeren sammelt. Mauri weiss, dass das eine erfundene und keine wahre Geschichte ist.

Mauri möchte immer lieb sein, aber das geht nicht. Es hilft Mauri, wenn sie mitempfindet, was sie selber nicht mag, was sie verletzen würde, das macht sie auch nicht mit den anderen Menschen, auch nicht mit den Tieren, den Pflanzen oder der Erde.


 Xija, Jan 2016 Foto Sandra Winiger



Mauri In der Kirche


Mauri steht mit der Grossmutter vor der Kirche. Sie muss den Kopf ganz nach hinten legen, damit sie bis zu oberst sehen kann. Die Türe ist viel grösser als daheim. Sie ist schwer zu öffnen.

 

Die Grossmutter spritzt Mauri Wasser ins Gesicht. Das ist lustig. Mauri lacht laut. Das Lachen klingt durch den ganzen Raum, wie wenn viele Mauris zusammen lachen würden. Innen ist die Kirche riesengross. Grösser als der Bahnhof, denkt Mauri. Dort hat es viele Leute und hier sind wir ganz allein. Die Grossmutter sagt, dass hier der liebe Gott wohnt.

 

Die Grossmutter kniet sich auf eine Holzbank und betet. Mauri betet auch: Danke, dass wir in die Kirche kommen können. Ich glaube zwar nicht, dass du hier wohnst, lieber Gott. Du machst hier auch einen Besuch, wie wir. Ich habe gesehen, wie du in den Buschwindröschen wohnst und in der Föhre und in Brandu und in der Mutter und dem Vater, in der Grossmutter. Du wohnst doch überall, lieber Gott, auch in mir. Dafür danke ich dir, dass du in mir wohnst. In mir ist es auch viel wärmer als in dieser Kirche.


 Marc Chagalle Arche Noah, 1970

Mauri öffnet die Augen. Farbiges Licht scheint durch die Fenster. Mauri öffnet ihre Hand. Sie leuchtet rot und blau und gold. Mauri schliesst die Hand. Im Dunkeln hinter dem Rücken der Grossmutter öffnet sie die Hand wieder. Wo sind die Farben hingeraten? Mauri versucht es noch einmal. Wieder verschwunden. Mauri kann das Licht nicht fassen und einfangen.

 

Mauri schaut sich um. Die Bilder an den Wänden sind unheimlich. Sie sind dunkel und lassen sie erschauern. Auf der Seite entdeckt Mauri eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm: Maria mit dem Jesuskind. Davor hat es Kerzen, die brennen. Das gefällt Mauri. Es sind nicht nur die Bilder, die fremden, die so schwer sind. Es ist auch der Geruch, ganz anders als frisches Gras.

 

Plötzlich schwirren und brausen Töne durch den Raum. Grosse, kleine, helle und dunkle, leise und laute. Mauri dreht sich um und sieht in die Höhe. Dort auf einem grossen Balkon steht die riesige Orgel. Die Musik erfüllt die ganze Kirche. Mauri kann die Musik im Bauch spüren. Sie schliesst die Augen und lauscht. Ihre Hand legt sich in die Hand der Grossmutter. Warm und lieb wird sie gedrückt.

 

Der Bauch füllt sich bis zum Hals mit Freude. Innen sieht es aus, wie vorher das Licht in den Händen. Mauri möchte dieses Gefühl mit hinaus nehmen und den Menschen, den Tieren, den Pflanzen und der Erde weiterverschenken.